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Original Articles Date:01.01.1970
eingestellt: Kurt
Sie heißen »Fettfresser«, »Speck-Weg-Kapseln« oder »Schlankpillen«. Alle
versprechen sie das eine: Leichter abnehmen, manchmal sogar ganz ohne Diät. Das
Fazit unseres Tests von 22 Appetitzüglern: Mit Gutgläubigkeit und dem Wunsch
nach der Traumfigur läßt sich zumindest viel Geld verdienen.
Das kleine Experiment ist einfach durchzuführen, völlig gefahrlos und läßt sich
in Gesellschaft mühelos als Zaubertrick einsetzen: Man nimmt eine Kapsel CM3
oder Jogun und ein Glas Wasser. Die Kapsel wird geöffnet und der unscheinbare
Inhalt in das bereitgestellte Wasser geworfen. Im Nu bläht sich das gepreßte,
wie Pappe aussehende Stückchen auf und wird zu einem respektablen Schwamm von
knapp vier Zentimetern Länge. Das Experiment gelingt immer - alles klatscht.
Für noch mehr Überraschung aber sorgt der Hinweis, daß dieser Schwamm eigentlich
im Magen landen und auf diese Weise beim Abnehmen helfen soll. Denn statt eines
guten, aber allzu kalorienreichen Essens sollen die kleinen Schwämme den Magen
füllen und dadurch den Hunger in Schach sowie den Kopf frei von der Gier nach
Essen halten. Nach sechs bis acht Stunden ist der ganze Spuk vorbei - der
Schwamm landet nahezu unverändert in der Kloschüssel. Hergestellt wird der
unverdauliche Magenfüller in den USA aus diversen Pflanzenteilen - was genau
verwendet wird, wollen die Anbieter nicht sagen. Schließlich zahlen sie teures
Geld dafür, das Patent eines deutschen Internisten nutzen zu dürfen.
Wer nicht den Schwamm in der Kapsel schlucken will, findet in Drogerien,
Reformhäusern und Apotheken genug Alternativen, die versprechen, daß man
»natürlich und schnell schlank« wird, oder das »Abnehmen auf natürliche Weise«
erleichtern sollen. Topinambur, Birkenblätter-Trockenextrakt, Citrusfasern oder
Feigenpulver - alles ist den Herstellern recht und billig, um Abnehmwilligen
ultimative Hilfe zu versprechen. Immerhin drei Millionen Deutsche greifen nach
einer Umfrage der Verlagsgruppe Bauer regelmäßig zu und geben dabei im Jahr
mehrere hundert Millionen Mark aus.
In der Tat sind Appetitzügler richtig teuer. 60 Kapseln Jogun etwa kosten 66,80
Mark. Im Zeitraum zwischen September und Mitte Dezember 1999 verkaufte die
Anbieterfirma Biologo nach eigenen Angaben 35000 Packungen - macht in dieser
kurzen Zeit allein für dieses Produkt knapp zweieinhalb Millionen Mark Umsatz.
Ganz schon üppig. »Finden Sie?« fragt Geschäftsführer Hans-Jürgen Raabe gequält.
Er ist nicht recht zufrieden: »Wir können derzeit nicht behaupten, mit dem
Produkt Geld zu verdienen.« Der Grund: »Wenn man auf diesem Markt wahrgenommen
werden will, muß man viel Geld in Werbung investieren.«
ÖKO-TEST hat 22 Produkte ausgewählt, die das Abnehmen leichter machen sollen und
sie von unserem wissenschaftlichen Berater Professor Gerd Glaeske begutachten
lassen. Der Pharmakologe arbeitet am Zentrum für Sozialpolitik an der
Universität Bremen und beschäftigt sich mit der Bewertung der
Arzneimittelversorgung. Wo sich der Verdacht aufdrängte, daß die Abnehmhilfen
mit Pestiziden, Bakterien oder Schwermetallen belastet sind, haben wir die
Mittel zusätzlich in Analyse-Labors geschickt.
Das Ergebnis unseres Tests ist ernüchternd: Auf die Frage nach Belegen für ihre
Behauptungen legten einige wenige Anbieter zwar Studien vor. Aber auch die waren
nicht überzeugend. Das Fazit: Für keine der vielen Kapseln, Pillen und Tabletten
ist einwandfrei erwiesen, daß sie das dauerhafte Abnehmen wirklich erleichtern.
Alle begutachteten Präparate sind deshalb »nicht empfehlenswert«.
Wirkungen und Nebenwirkungen der Abnehmhilfen
Vencipon N ist das einzige »chemische« Mittel unter den von uns untersuchten 22
Präparaten. Es ist rezeptfrei in der Apotheke zu kaufen und wirkt über das
Zentralnervensystem anregend und gleichzeitig appetithemmend. Über den Nutzen
derartiger Appetithemmer schreibt der Arzneimittelführer Bittere Pillen
1999-2001: »Ausnahmsweise sind sich sämtliche Wissenschaftler und Lehrbücher bei
der Bewertung von Appetitzüglern einig: Sie reduzieren zwar kurzzeitig das
Gewicht, nach Beendigung der Therapie wird das Ausgangsgewicht aber fast immer
wieder erreicht.« Der kurze Erfolg hat einen hohen Preis: Es kann zu
Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen und Bluthochdruck, bei längerer
Einnahme auch zu Psychosen und Abhängigkeit führen. Für die meisten solcher
Arzneimittel ist deshalb die Zulassung zurückgezogen worden. »Eine Rezeptpflicht
ist das Mindeste, was man für Vencipon N fordern muß«, urteilt deshalb unser
Berater Professor Gerd Glaeske und geht sogar noch weiter. »In diesem Mittel ist
der Wirkstoff Ephedrinhydrochlorid mit dem Abführmittel Phenolphthalein
kombiniert - eine nicht sinnvolle Kombination, die eigentlich vom Markt gehört.«
Nicht weniger gefährlich sind Produkte, die größere Mengen Jod enthalten. In
einem der drei getesteten jodhaltigen Präparate, Arnikelp-N, fand das Labor
sogar 300 Milligramm pro Kilo. Legt man die empfohlene Tagesdosis zugrunde,
kommt man schon auf das Doppelte der vom Bundesinstitut für gesundheitlichen
Verbraucherschutz in Berlin empfohlenen täglichen Jodmenge. Solche Produkte
sollen den Stoffwechsel ankurbeln und damit überflüssige Pfunde schmelzen
lassen.
Richtig ist, daß Jod die Schilddrüse anregt und der Körper dadurch »einen Gang
hochschaltet«. Die Folge können innere Unruhe und Nervosität sein. Ob das
allerdings beim Abnehmen hilft, ist nicht nachgewiesen und mehr als zweifelhaft.
Kann doch eine Anregung des Stoffwechsels auch zu mehr Appetit führen. Zwei
Produkte haben wir deshalb abgewertet.
Wer das Präparat Kilo Nit einnimmt, muß vor solchen Nebenwirkungen allerdings
keine Angst haben: Trotz des Hinweises im Beipackzettel auf den angeblichen
jodhaltigen Auszug aus Blasentang-Pflanzen, konnte unser Labor in den Tropfen
nur Spuren von Jod entdecken. Ein weiterer Vorteil des Präparats: Im Gegensatz
zu den beiden anderen Algenpräparaten enthielt Kilo Nit auch kein bedenkliches
Arsen.
Relativ harmlos, aber ebenso von zweifelhaftem Nutzen sind Produkte wie Redaxa
fit oder Bio Redan S, die mit Trockenextrakten aus Birkenblättern,
Schachtelhalmkraut oder Gartenbohnenhülsen den Abmagerungsprozeß durch
»Entwässern« unterstützen sollen. Für dauerhaftes Abnehmen ist eine verstärkte
Wasserausscheidung mit Sicherheit ungeeignet. Denn als Übergewichtiger hat man
normalerweise nicht mit zuviel Wasser, sondern mit zuviel Fett zu kämpfen.
Präparate mit Ballaststoffen sollen den Magen füllen und so den Appetit
verderben. Auch hier ist die Wirksamkeit zweifelhaft, sind doch die Mengen, die
man mit den Tabletten aufnehmen kann, kaum ausreichend, um ein dauerhaftes
Sättigungsgefühl zu erreichen. Im besten Fall wirken sie stuhlregulierend.
Diesen Effekt kann man allerdings auch billiger und genußvoller haben. So
liefern bereits 100 Gramm Möhren genauso viel Ballaststoffe wie 10 Tabletten
Grapefruit Spezial. Weitere Nachteile der Ballaststoff-Produkte: Wer nicht genug
dazu trinkt, bekommt schnell Verstopfung. Zudem sind besonders Tabletten, die
Zitrusobstfasern enthalten, oft mit Pestiziden belastet. Drei Produkte mit
Zitrusobstfasern haben wir im Test, zwei mußten wir abwerten - darunter die
Citrus Fruchtfasertabletten von Kneipp: Das Labor fand Rückstände fünf
unterschiedlicher Pflanzengifte.
Auch CM3, Jogun - die eingangs beschriebenen »Schwämmchen« -, Matricur und
Recatol algin sollen im Magen aufquellen, ihn ausfüllen und so den Hunger
bekämpfen. Auf den ersten Blick erscheint das recht plausibel. Die beiden
Studien, die der Anbieter von CM3, die Firma Easyway aus Monheim bei Düsseldorf
vorlegt, loben das Produkt über den Klee. Professor Hans Hauner, Generalsekretär
der Deutschen Adipositas-Gesellschaft in Düsseldorf, hält diese Untersuchungen
allerdings für nicht aussagekräftig. Es fehle die Kontrollgruppe, die bei
seriösen Studien üblich ist und zum Vergleich ein Scheinmedikament bekommt.
»Unter diesen Bedingungen hätte auch Handauflegen eine Wirkung gezeigt«,
kritisiert Hauner. Dem Anbieter von CM3 ist dieses Manko wohl bewußt. Deshalb
hat er die Deutsche Adipositas-Ambulanz in Düsseldorf beauftragt, sein Produkt
in einer kontrollierten Studie mit über 100 übergewichtigen Patienten zu testen.
Daß diese Untersuchung mit einem enttäuschenden Ergebnis enden wird, lassen
Erfahrungen mit Ballons vermuten, die früher zu Tausenden in die Mägen von
Übergewichtigen eingeführt und dort aufgeblasen worden sind. Selbst Ballons mit
400 Milliliter Volumen zeigten langfristig außer Nebenwirkungen kaum einen
Effekt. CM3 und ähnliche Produkte werden im Magen nicht annähernd so groß: Zehn
dieser Zellulose-Schwämmchen füllen zusammen gerade mal 30 Milliliter des Magens
aus.
Was tun?
Das Einnehmen von Abnehmhilfen oder Appetitzüglern ist in aller Regel nicht
sinnvoll. Nur wer seine Lebens- und Ernährungsweise umstellt, kann dauerhaft
sein Gewicht reduzieren. Entscheidend ist regelmäßige Bewegung, langsames und
bewußtes Essen und eine ausreichende Zufuhr von Ballaststoffen aus Obst,
Getreide und Gemüse. Ein Glas Wasser vor dem Essen verringert den Appetit.
Nicht jedes überzählige Kilo heißt, daß man abnehmen muß: Wer keine
gesundheitlichen Beschwerden hat und sich wohl fühlt in seiner Haut, sollte sich
nicht verrückt machen. Mediziner gehen davon aus, daß ein sogenannter
Body-Mass-Index (BMI) von bis zu 25 normal ist. Ein BMI zwischen 25 und 30 gilt
noch als leichtes Übergewicht. Der BMI berechnet sich folgendermaßen:
Körpergewicht (in kg)
Körpergröße x Körpergröße (in m)
Quellenangabe:-
Bildnachweis:-
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