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Wespentaille dank Rinderhüften
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Original Articles Date:01.01.1970
eingestellt: Kurt

Während die Aktien der US-Eierproduzenten in die Höhe schießen, sind die Orangenbauern Floridas verzweifelt. Die Diät von Richard Atkins sorgt derzeit auf dem US-Nahrungsmittelmarkt für heftige Turbulenzen.

New York - "Nehmen Sie Salat- oder Kohlblätter anstelle von Brot. Burger schmecken großartig, wenn man sie in Eisbergsalatblätter einwickelt. Nehmen Sie gekochten Blumenkohl statt Kartoffeln. Nehmen Sie Orangen- und Zitronenkonzentrat zur Geschmacksverstärkung und vermeiden Sie Säfte!"
Was klingt wie ein harmloser Abschnitt aus dem Ernährungsteil einer Frauenzeitschrift, bringt in den USA gerade den milliardenschweren Markt für Nahrungsmittel durcheinander. War jahrzehntelang der Fettgehalt der Figur-Feind Nummer eins, so sind es nun die Kohlenhydrate. Was mit "low fat" und "light" gekennzeichnet ist, hat seine Anziehungskraft verloren, jetzt wird beim Einkauf nach dem Zusatz "low carb" gefahndet. Die "Financial Times" spricht angesichts des Sinneswandels vom "schnellsten Richtungswechsel im US-Essverhalten seit Jahrzehnten".

Konkurrenz für Harry Potter

32 Millionen Amerikaner und etwa drei Millionen Briten haben die Atkins-Diät zu ihrer neuen Wunderwaffe im Kampf gegen die Pfunde erkoren. Im vergangenen Jahr verdrängte das Buch "Dr. Atkins' Diet Revolution" sogar Harry Potter von Platz eins der britischen Bestsellerlisten. Und das, obwohl die Diät-Lehre ein alter Hut ist. Schon Anfang der siebziger Jahre hatte der New Yorker Kardiologe Robert Atkins propagiert, Kohlenhydrate seien der eigentliche Dickmacher.
Mit Sprüchen wie "Wespentaillen dank Rinderhüften" machten sich andere Ärzte zunächst über die Atkins-Diät lustig, weil ihr Kollege den Konsum von Steaks, Eiern, Butter und Sahne für unbedenklich erklärte. Das magische Diät-Versprechen, Gewicht zu verlieren, ohne auf geliebte Köstlichkeiten verzichten zu müssen, trat dennoch seinen Siegeszug an. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Diät-Süchtigen - etwa die Hälfte der erwachsenen US-Bevölkerung - frustriert von den bisher populären Antifett-Diäten abwendeten.

Pasta pfui, Eier hui

Seit etwa zwei Jahren ist die Atkins-Revolution voll im Gang, mit verheerenden Wirkungen für die Hersteller kohlenhydratreicher Kost: Der kalifornische Pasta-Produzent Monterey beispielsweise ist derzeit mächtig unter Druck. Handelsriese Wal-Mart, zweitgrößter Monterey-Kunde und bisher Abnehmer von knapp einem Drittel der Nudeln und Saucen, stornierte im Januar plötzlich alle Bestellungen. Man sei mit dem wichtigen Kunden nun in Verhandlungen darüber, die neue CarbSmart-Produktlinie einzuführen, versuchte Monterey-Präsident Jim Williams die Gemüter seiner Aktionäre zu beruhigen. Die sind allerdings gerade noch dabei, die schlechten Geschäftszahlen des vergangenen Jahres zu verdauen: Der Gewinn des bisher kerngesunden und hochprofitablen Unternehmens rutschte pro Aktie von 68 US-Cent auf 0,7 US-Cent zurück, die Aktie hat sich in diesem Zeitraum knapp 40 Prozent schlechter entwickelt als der S&P-500-Index.

Auch Floridas Orangenbauern - nach Brasilien zweitgrößter Hersteller der Zitrusfürchte - hat die Atkins-Diät kalt erwischt. Bisher sonnten sich die Frucht- und Saftverkäufer in der Sicherheit, mit ihren Vitamin-C-Bomben auf den meisten Empfehlungslisten der Gesundheitsapostel zu landen. Atkins dagegen brandmarkte Fruchtsäfte als "Zuckerwasser" und empfahl den Verzicht. Mit durchschlagender Wirkung: Der Absatz mit den Südfrüchten aus Florida ging im vergangenen Jahr um etwa fünf Prozent zurück, Umfragen zufolge ist das aber erst der Anfang einer langen Durststrecke. Das Marktforschungsinstitut ACNielsen ermittelte, dass etwa 26 Prozent der Amerikaner sich bewusst dafür entschieden haben, den Orangensaftkonsum zu reduzieren.

Der 30-Milliarden-Markt

Geradezu atemberaubend schossen dagegen die Aktien von Nahrungsmittelproduzenten in die Höhe, deren Erzeugnissen Atkins vor seinem Tod den Segen erteilt hatte. Eier beispielsweise enthalten gerade einmal ein Gramm Kohlenhydrate, sie sollen und dürfen daher laut Atkins in unbegrenzter Menge eingeschoben werden. Die Aktie von Cal-Maine, dem größten Eierproduzenten der USA, kann es deshalb locker mit Dot.com-Papieren zu deren besten Zeiten aufnehmen. Im Jahresvergleich legte der Eier-Anteilsschein um sagenhafte 924 Prozent zu. Doch im Unterschied zu den wilden Geschichten der Internet-Euphorie hat Börsenliebling Cal-Maine Substanz. Seine Gewinne stiegen im gleichen Zeitraum um rund 800 Prozent an.

Handel und Restaurants haben sich längst auf die geänderten Essgewohnheiten ihrer Kunden eingestellt. Die Branchenzeitschrift "LowCarbiz" schätzt, dass der Markt für kohlenhydratarme Produkte im vergangenen Jahr rund 15 Milliarden Dollar ausgemacht hat und 2004 auf 30 Milliarden Dollar anwachsen wird. Wal-Mart denkt bereits darüber nach, ganze Abteilungen auf die Atkins-Jünger abzurichten, der größte britische Supermarktbetreiber Tesco will eine eigene Low-Carb-Produktlinie auflegen. Bei McDonald's werden Rühreier als "low-carb" angepriesen, Burger-Brater Wendy's, Burger King und Hardee's verzichten bei ihren atkinskonformen Burgern ganz auf die Brothülle und wickeln die Fleischklopse samt Soße und Beilagen in Salatblätter. Mike Moore, Journalist der "Journal Times" kam nach einem ersten Test zu dem Urteil: "Schmeckt wie ein Burger. Aber versuchen Sie nicht, das beim Autofahren zu essen".

"Sie werden aus dem Mund stinken"

Die Verlierer des Atkins-Wahns versuchen verzweifelt, mit Werbekampagnen dagegenzuhalten. So will das Florida Department of Citrus, Interessenvertretung der verängstigten Orangenfarmer, rund 1,8 Millionen Dollar ausgeben, um in den Köpfen der Amerikaner Orangensaft-Kohlenhydrate als "schlaue Kohlenhydrate" zu verankern. Kimberly Park, Direktorin der USA Rice Federation schlug laut "New York Times" sogar vor, den Reisabsatz mit einem Frontalangriff auf die Atkins-Diät zu retten. Hauptargument: Wenn Sie dem Diät-Guru folgen, werden Sie aus dem Mund stinken.
Momentan haben die Atkins-Getreuen allerdings mit einem weitaus gewichtigeren Vorwurf zu kämpfen. Dem "Wall Street Journal" wurde nämlich ein Arztbericht zugespielt, wonach der 72-jährige Atkins bei seinem Ableben knapp 117 Kilo wog - bei einer Körpergröße von etwas mehr als 1,80 Metern. Damit wäre er nach den gängigen US-Maßen richtiggehend fettleibig gewesen, als er im April vergangenen Jahres auf einer Eisplatte ausrutschte und sich dabei tötliche Kopfverletzungen zuzog. Witwe Veronica Atkins - deren Firmenimperium Atkins Nutritionals rund 200 Millionen Dollar Jahresumsatz erwirtschaftet - bestreitet diese Darstellungen vehement. Als ihr Mann nach dem Unfall im Koma lag, so ihre Version der Geschichte, sei er im Krankenhaus mit Medikamenten vollgestopft worden und habe knapp 20 Kilo zugelegt. Damit entkräftet sie die imageschädigende Behauptung aber nur teilweise, auch mit knapp 100 Kilo wäre der Diät-Papst bei seinem tödlichen Unfall stark übergewichtig gewesen.

Doch selbst wenn sich die Menschen irgendwann wieder von der Atkins-Diät abwenden, könnte das Geschäft der Low-Carb-Produzenten noch einige Zeit weitergehen. Die Werbegruppe Euro RSCG Worldwide hat in ihrem Ausblick für 2004 einen neuen Trend ausgemacht. Bereits ein Viertel der Hunde und Katzen in der westlichen Welt seien übergewichtig oder fettleibig. Die ersten Low-carb-Produkte für Haustiere sind bereits auf dem Markt. Die Firma Hill's aus Topeka, Kansas, macht den besorgten Tierfreunden auf ihrer Website sogar ein großzügiges Angebot: "Sollte es Ihrer Katze nicht schmecken, dann können Sie das Futter bei voller Erstattung des Kaufbetrages zurückgeben."

Von Carsten Matthäus

Quellenangabe:http://www.spiegel.de/
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